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04.06.2018 Von: Michael Albert

… wenn Segler Motorboot fahren ! - Auf Brandenburgs Wasserstraßen -

Ein Törnbericht von Mäcki Albert, SMCÜ

Solveig

 

 

 

MARINA ZEHDENICK steht in großen Lettern an der Fassade eines verblasst-gelben Wellblechbaus, dessen beste Zeiten wohl schon seit Langem vorüber sind. Trotz allem signalisiert es den passierenden Skippern auf ihren Motorbooten, dass hier die Möglichkeit besteht zu tanken oder auch die Nacht zu verbringen.

Flankiert wird dieser Bau auf der einen Seite von einer Seetankstelle, deren Dieselvorrat von ca. 1000 Litern in einem Kunststofftank, mit Zurrgurten auf einem Pkw-Hänger gesichert, bereit steht. Auf der anderen Seite der "Blechhütte" hat sich der Hafenmeister und Betreiber der Hafenanlage für sich, seine Frau und seinen Hunden ein Blockhaus errichtet - im gleichen Blassgelb gestrichen, um tagsüber mit ein wenig mehr Privatsphäre vor Ort zu sein.

Die offene Steganlage hier in der Havel ist gepflegt und beheimatet um die 50 Motoryachten zwischen 26 und 43 Fuß Länge. Der größte Teil der Boote sind Linssen-Yachten, die teils nur vom Eigner genutzt werden und andere, die auch in Charter gehen. Wir sind auf einem Linssen-Stützpunkt.

 

Hanni und ich rollen hoppelnd mit unserem vollgepackten Auto über stabile Betonplatten aus deren Stößen die Grasbüschel wachsen. Gut und gerne würde  diese Kaianlage auch einen 40-Tonner verkraften.

 

Da liegt sie, unsere "Solveig", ist gut geputzt und trotz ihres Alters von stolzen 12 Jahren sehr gepflegt: eben eine Linssen. Das Service-Team bittet uns an Bord, das Boot ist klar zum Auslaufen. Doch halt: Wir beide sind noch lange nicht so weit.

 

Hanni hat gepackt wie die letzten 12 Jahre, als wir fünf Monate mit unserer "Tin-Tin" auf See segelten. Ölzeug, Seestiefel, Warmes für kalte Tage, dünnes für sommerliche Temperaturen und, und, und…

Wir lassen es gemütlich angehen, räumen ein, übernachten erst Mal im Heimathafen, kaufen am nächsten Tag im nahegelegenen REWE das Nötigste ein.

Nach der obligatorischen Einweisung in die technischen "Geheimnisse" der "Solveig" durch Kay, der rechten Hand des Chefs. Ich beanstande den Füllstand des Dieseltanks. "Die Anzeigen sind ungenau, der Tank ist voll!", meint Kay. Ich setze mich durch, wir fahren zur Tanke. Und siehe da, es passen noch 16 Liter hinein.

Ich bitte um eine Manöverfahrt im Hafen und vor der Haustür, um die Reaktionen des Bootes besser kennen zu lernen. Günther, der "Fahrlehrer" des Stützpunktes begleitet mich. Als ich dann nach einer guten Viertelstunde die Linssen wieder in die wirklich verzwickte, enge Ecke in Rückwärtsfahrt bugsiert hatte und sie am Liegeplatz festmachte, sprang er von Bord und meinte: "Was soll ich denn hier noch?" Seine Anerkennung war ein kräftiger, wortloser Männerhändedruck bei angewinkelten Armen, als sich unsere Blicke trafen. Ich hatte nichts falsch gemacht!

 

Auslaufen! Nordwärts würden wir zur Mecklenburgischen Seenplatte gelangen, doch unser Bug zeigte gen Süden: in Generalrichtung Berlin. Doch das mit den Himmelsrichtungen ist hier an Bord so eine Sache: Die "Solveig" verfügt über keinen Kompass!!! Das gibt's doch nicht, denke ich bei mir und lese in der amtlichen Zulassung nach. Alles Mögliche ist eingetragen: Leinen, Signalhorn, Rettungsmittel u.v.a.m. - ein Kompass wird hier auf diesen Binnenwasserstraßen offensichtlich nicht gebraucht. Mir sträuben sich die Haare.

 

Die erste Schleuse ist nur einige hundert Meter entfernt. Es ist eine SB-Schleuse, eine Selbstbedienungsschleuse. Das kannte ich noch nicht, hatte es mir aber von Günther erklären lassen.

Kurz vor der Schleuse ist eine Wartestelle für Sportboote, die nur bei grüner Ampel passiert werden darf. Wir machen fest, melden unseren Wunsch nach Schleusung per Hebelzug an. Jetzt zeigt der Text einer Laufschrift an, was zu erwarten ist. "Die Schleuse wird vorbereitet!" Irgendwann, nach 20 langen Minuten, öffnet sich das obere Tor (Zur Info: Wir sind auf Talfahrt). Die Ausfahrt aus dem Wartebereich wird freigegeben, die Schleusenlichter springen von Rot auf Doppelgrün. Dann - nichts wie hinein. In der Schleuse abermals zwei Bedienhebel: einen roten für den Notfall ("falls Mutti über Bord gegangen ist", erklärte gestern Günther) und einen grünen, mit dem der Schleusenvorgang in Gang gesetzt wird. "Mutti" ist übrigens nicht über Bord gegangen und so sackte die "Solveig" an gefierten Leinen in die Tiefe. Talfahrt ist ein Kinderspiel, stören doch keinerlei Verwirbelungen in der Schleusenkammer den geregelten Ablauf, da das Wasser aus der Kammer läuft.

"Mutti" macht mir klar, dass sie wieder Hanni genannt werden möchte - kann ich verstehen!

Unser Weg führt uns einsam auf der Oberen-Havel-Wasserstraße (Vosskanal) durch beidseitig wuchtiges und hohes Busch- und Baumwerk. Wir sind allein im Überangebot der Natur. Nur zwei Begegnungen haben wir, dann eine zweite Schleuse in ähnlicher Machart (SB) und wir haben unser erstes Ziel erreicht: Liebenwalde.

Eine übersichtliche kleine Marina deren Laufstege speziell für die Motorbootfahrer mit Fingerstegen ausgerüstet sind (für das bequeme seitliche Aussteigen). Empfohlen wurde uns der Imbiss der Frau des Hafenmeisters: Gezapftes Bier und selbstgemachter Kartoffelsalat, dazu selbstgemachte Frikadelle. Köstlich!

Eine größere Motoryacht passiert achtern der Steglieger und will in einen kleinen Stichkanal, den Langen Trödel, einfahren. An Bord ist "Stimmung". Die Vorzeichen des Vatertags. Am Bug, der Tradition entsprechend - meinten sie - ist eine aufblasbare Sexpuppe als vermeintliche Gallionsfigur befestigt. Ich habe mich als Seefahrer fremdgeschämt.

Und so bewegen wir drei uns - Hanni, Mäcki und "Solveig" Kilometer für Kilometer weiter gen Süden (ich orientiere mich grob an Uhrzeit und Sonne), bis wir im Havel-Oder-Kanal ankommen. Erstmals haben wir Kontakt zu riesig langen "Polen-Schubern", bestehend aus einer Schubeinheit, die zwei, teils drei gekoppelte Leichter vor sich her schieben. Ihr Länge sicherlich annähernd 200 Meter.

In der Schleuse von Lehnitz wird's noch Mal spannend. Nach kurzer Wartezeit beginnt die Aktion. Alle Sportboote sind fest, dann geht es abwärts: Der Pegelausgleich ist annähernd sechs Meter Höhenunterschied. Es folgt eine Kanalfahrt durch Oranienburg - weiterhin der Havel-Oder-Wasserstraße folgend bis Birkenwerder. Dort machen wir's uns endlich wieder gemütlich, gehen im angrenzenden Gartenlokal schön essen.

Der Brotkauf am nächsten Tag gestaltet sich mühsam, ist der Bäcker und Schlachter - wie man hier sagt - drei Fußkilometer weit weg. Nun, wir MoBo-Fahrer bewegen uns eh' zu wenig, also, was soll's?

 

Die nächste Schleuse Spandau genießt einen schlechten Ruf: lange Wartezeiten. Wir haben Glück, nach 25 Minuten sind wir durch, die Saison hat noch nicht begonnen!

 

Nach der Schleuse fahren wir auf der Havel in den Wannsee. Von ihm bzw. über ihn haben wir schon tolle Geschichten gehört: …man kann von Boot zu Boot springen, um trockenen Fußes das andere Ufer zu erreichen... Dem ist (heute) nicht so, wie gesagt: Es ist Vorsaison. Allerdings sind einige, ich nenne sie mal "schwimmende Wohneinheiten" unterwegs, die uns aber wenig stören. Hier handelt es sich um schwimmende Kisten, die auf zwei Schwimmer gesetzt wurden, und somit eine kostengünstige Bleibe zu Wasser für Familien und junge Leute sind.

Der Wannsee ist durchgängig ausreichend tief, immer so zwischen 5 und 10 Meter. Grüne und rote Tonnen weisen den Weg von Süd nach Nord, um die Großschifffahrt im Tiefwasser zu leiten. Ich, als Wannsee-Unerfahrener halte mich an den Tonnenstrich. Die Tonnen sind nummeriert, allerdings - zumindest in meiner Karte - leider nicht entsprechend gekennzeichnet. Und so haben wir "alten Navigationshasen" ganz schnell den Überblick verloren… - und wissen nicht mehr genau, wo wir uns befinden. Hanni muss jetzt fahren und ich nehme Karte und Fernglas, um meinen Standort zu bestimmen. Nach 20 Minuten kann ich Entwarnung geben. Wir befinden uns zwischen den Inseln Schwanenwerder und Immchen.

Wir übernachten an einer freien Steganlage bei Kladow. Strom gibt's nicht, der Automat nimmt meinen Euro und zeigt mir (sinnbildlich) den Mittelfinger. Zuständig ist natürlich keiner, was soll's.

 

Wir queren - nachdem ich mich mangels Kompass kurz im Jungfernsee verfranzt hatte - dann doch noch wie geplant die durchaus bekannte Glienicker Brücke (Spionenaustausch zu DDR-Zeiten). Nach Passage des Tiefen See folgt der Templiner See. Es ist Zeit für einen Aufenthalt in Potsdam. Versorgung optimal, eben eine Marina namens Potsdamer Yachthafen (nicht zu verwechseln mit dem Potsdamer Yachtclub). Wir lustwandeln - über zwei Stunden, bei Sonnenschein am späten Nachmittag - in den Gärten von Sanssouci und sind begeistert.

 

Achtung, Planänderung! Wir entscheiden Berlin nicht mit dem MoBo zu besuchen. Es wurde uns von vielen Insidern davon abgeraten in dieses Revier zu fahren: Unmengen von Ausflugsschiffen, tagsüber Sperrungen für Sportboote, lange Wartezeiten an den Schleusen wegen Vorrang der Berufsschifffahrt usw.. Uns mussten sie nicht lange überreden, lieben wir doch eher die Natur und Einsamkeit als den Trubel der Touris.

 

Textfeld: Der Sanitärcontainer von ParetzWir verlassen den Templiner See und biegen nach Steuerbord wieder einmal in die Havel ein. Hier ist sie breit, fast seenartig. Die Insel Werder bleibt an Backbord. Dort, wo die Havel ihr Bett von Nord nach West verändert, beginnen der Sacrow-Paretzer-Kanal und der Havelkanal. Der Havelkanal soll uns weiterbringen auf unserer Rundfahrt durch Brandenburgs Wasserstraßen. Er ist ca. 15 Kilometer lang, in dem uns außer Natur pur und einer Schleuse (Schönwalde) nichts Besonderes erwartet. Doch gleich zu Beginn der Passage bietet sich eine kleine "Marina" - sprich eine stillgelegte Schleuse mit der Möglichkeit zum Anlegen - als Übernachtungshafen an. Per Handy meldet man sich beim Hafenmeister. Strom, Wasser, Toilette und Dusche sind vorhanden. Drum herum ist … nichts. Doch: Schilf.

 

Auf dem Havelkanal sind wir mit unserer "Solveig" bis auf eine Begegnung allein. Wieder beidseitig am Kanalufer: gestandene Büsche und Bäume, die hier nie Wassermangel haben und deshalb so prächtig gedeihen können. Hie und da zeigt sich ein Haus mit großzügigem Garten und kleinem Steg - vermutlich fürs Angelboot.

 

Spätestens jetzt, als der Havelkanal wieder seinen Namensgeber, die Havel, küsst, wird uns bewusst, dass sich unser Rundtörn schließt. Wir sind auf dem Rückweg. Hennigsdorf bietet sich zum Übernachten an: Die Steganlage des EWV Hennigsdorf, ein Wassersportclub, heißt uns als Gäste herzlich willkommen. Die Steganlage ist recht neu, das Clubhaus samt Sanitäranlagen sauber und gepflegt. Hanni beschließt zwei Tage zu bleiben - ist mir nicht unangenehm! Wir haben nämlich Urlaub, sind nicht auf der Flucht!

Abends, als wir gemütlich an Oberdeck sitzen und dem Treiben auf dem Kanal zusehen, fällt Hanni ein unangenehmer Geruch auf. Ich schnuppere ebenfalls: Es riecht nach faulen Eiern. Da klingeln bei mir alle Alarmglocken  - ich trenne sofort unser Boot vom Landstrom. Die Batterien gasen! Knallgas! Jetzt nur keine Verbraucher ein- oder ausschalten, das könnte Funken erzeugen. Nachdem wir die "Solveig" gut durchgelüftet haben, der Geruch ist nicht mehr vorhanden, rufe ich meinen Vercharterter an. Am nächsten Morgen stehen wie vereinbart pünktlich halb neun Kay und ein zweiter Mitarbeiter auf dem Steg. Mit dabei hat er vier Kaventsmänner von Vetus-Akkus à 105 Ah und baut sie ein. Es ist natürlich Sonntag.

 

Vor der Schleuse Lehnitz - ihr erinnert euch: 5,7 Meter Hub - liegen wir am Wartesteg. Von achtern, bei unserem Hintermann, hören wir eine kräftige Stimme: "Guten Tag, Wasserschutzpolizei Lehnitz, bitte mal Ihren Sportbootführerschein Binnen!" Dann kommt er zu uns. Ich sage "Guten Tag, ich habe mitgehört, hier mein Sportbootführerschein!" Dankend nimmt er ihn entgegen, stutzt kurz und meint: "Herr Albert, Ihr Patent ist ungültig!" Nun stutze ich, wie das?

"Schauen Sie mal unter das Lichtbild, Ihr Sportbootführerschein ist ein Dokument! Und wenn Ihre Unterschrift fehlt, ist dieses ungültig!" Er reicht mir das ungültige Dokument zurück: "Unterschreiben Sie spätestens in der Schleuse, ich wünsche noch einen schönen Tag!"

Einfach dämlich, seit 1994, da habe ich das Bodenseeschifferpatent genutzt, um per Umschreibung das Binnenpatent zu erhalten, seither fahre ich ohne Unterschrift.

 

Unsere Zeit ist um. Bereits am Mittwochnachmittag laufen wir im Heimathafen Zehdenick ein, nutzen den Donnerstag, das Boot auszuräumen und aufzuklaren. Als wir wieder voll tanken, schluckt die "Solveig" 71 Liter. Nachmittags kommt auf mein Bitten Kay an Bord, um die "Solveig" nach dem Charter abzunehmen. Er schaut sich die Außenhaut genau an, nickt zufrieden - zählt die Fender, auch o.k.. Viel mehr will er nicht von uns, blättert meine 1000,- € Kaution auf den Messetisch. Wir plaudern noch ein wenig: "Morgen früh, gegen fünf Uhr, werden wir abreisen. Den Bootsschlüssel legen wir auf den Tisch. Ist das o.k.?"

Es ist für ihn o.k.!

 Fazit:

Die "Solveig" ist eine Linssen Grand Sturdy 29.9 AC

- L = 9,35 m, B = 3.35 m, H = 3,7 m (Brückendurchfahrt!)

- vorn und achtern je eine geräumige Kammer zum Schlafen

- je eine Nasszelle pro Kammer

- die Messe leicht erhaben, dadurch gute Rundsicht

- Fahrstand an Oberdeck, Scheiben und Sprayhood gegen Wettereinflüsse

- gute Rundumsicht

- Maschine: 4-Zylinder Volvo, 75 PS

 Das Revier:

- Marinas sind oft keine Marinas, sondern nur spärliche Anlegestege

- hier ist Revierkenntnis von großem Vorteil

- auf Dauer wird es langweilig, wenn man es - wie wir - mit den Schären vergleicht

- als Segler ist man - zumindest auf See - mehr gefordert, man bewegt sich mehr

Würden wir wieder ein MoBo chartern?

- ein klares Nein, ist uns einfach zu eintönig (Harry, verzeih' mir!)